Restitutio ad integrum

Komponist Erich Wolfgang Korngold, Librettist Hans Müller-Einigen, Bühnenbildner und Intendant Daniel Dvorak, zeitübergreifendes Brünner Dreigespann, das eine Koproduktion des Nationaltheaters Brünn mit dem Pfalztheater Kaiserslautern geradezu aufdrängte. 22 Jahre nach der Bielefelder Produktion feiert Das Wunder der Heliane triumphale Rückkehr auf die Opernbühne, die Kultur einmal mehr Avantgarde europäischen Zusammenwachsens. Uwe Sandner, GMD, und Johannes Reitmeier, Hausintendant, kommen in Kaiserslautern das nicht hoch genug zu schätzende Verdienst zu, seit Jahren gemeinsam dort anzuknüpfen, wo Rassenwahn und kulturelle Barbarei die jüdische Stimme im deutschsprachigen Kulturraum vor 80 Jahren erstickten, der Wille zur Banalität und zum Stümperhaften triumphierte, mit Werken auf dem Spielplan des Ersten Pfälzer Hauses aus einer ungeheuer schöpferischen Phase, als Musik noch nicht auf ihren reinen Unterhaltungswert herab gesunken war und wie die Texte ihrem Hörer Anstrengung, Bildung und Denkfleiß abverlangte. Kulturelle restitutio ad integrum, nur scheinbar aus der Mode gekommene Deklination des Experimentum mundi.

Brillant inszeniert von Johannes Reitmeier, dem das Vergnügen an der intellektuellen und ästhetischen Herausforderung abzuspüren ist, der die Impulse des Expressionismus in ihrer Vielschichtigkeit aufnimmt, ohne ihren Tendenzen die Jetztzeit gewaltsam überzustülpen. Keine plumpe Einsetzung einer Bildhälfte aus dem Heute, keine unmittelbare Verwertung des Inkommensurablen; subtiler Anstoß, das Unfertige, Gärende weiter zu treiben ins Grundsätzliche überall. Im Gleichklang mit der Musik. Reitmeier lässt die Bilder wirken, mitreißend, auf dem Seelengrund Versunkenes aufwirbelnd, er bedient die Kraft des Expressionismus mit dessen Überführung des Mythologischen in Poesie und Hoffnung, seinem Einsprengen messianischer Splitter, der teleologischen Geschichtskonzeption. Der Regisseur verweist auf die Launenhaftigkeit des Volks, das - wie in der Sicht des Expressionismus - nur bedingt zum Träger der Hoffnung taugt, jederzeit bereit zum Cruzifige, wenn aus den Latten des Widerstands gekreuztes Symbol der Ausmerzung wird. Auferstehung als Fortbestand der Hoffnung, nicht das Individuum hat Anteil an der Unsterblichkeit. Wunderbar die Schlussszene, wenn Königin und der Fremde getrennt auf jeweils einer Bühnenseite abgehen um anzuzeigen, dass das Subjekt der Auferstehung das Volk, die künftige Generation, die offene Zukunft bleiben. Transzendieren ohne Transzendenz. Kein Fischen im Drüben, aber der Welt ihr Geheimnis lassen. Reitmeier arbeitet die einer unfröhlichen Wissenschaft anstößige Verquickung von metaphysischen, philosophischen, soziologischen, theologischen und psychologischen Topoi heraus, die dem Expressionismus eigentümliche Antisystematik, mit der Lust an Spielformen und der Provokation gegenüber gewohntem Rezipieren. Die Welt der (umfassenden) Sinnlichkeit, ihr utopisches Substrat, Träumen, Lachen, Blumen, Küsse, Drang der Jugend (letztere neben Arbeit und Intellekt die dritte Säule im Proletariatsbegriff eines Peter Weiß), der Regisseur zeichnet sie ein in eine Menschen- und Interessengeschuldete Entfremdung der Arbeitswelt, wo Lohnerwerb zu Fron wird, deren ästhetische Fabrikausstattung jedoch mit Sinn für Raum und Maß, Technik und Neue Ordnung in eine Zukunft verweisen, die noch nicht und schon gar nicht überall gekommen ist. Die Fabrik ein Ort, der eine Ahnung bewahrt, dass der Mensch das Wesen sein könnte, das in der Arbeit zu sich selbst kommt, wären die Verhältnisse andere. Die Antwort des Expressionismus: (Tiefen-)Bewusstsein verändert das Sein. Die Kunst des Antizipierens will gepflegt werden. Wie die 68er, aber schon Adler und Hirschfeld, verfolgt Kaltneker und sein Mysterium die Tendenz, dass die repressive kleinbürgerliche Moral mit ihrer Sexualunterdrückung zur Aufrechterhaltung der Ausbeutung beiträgt. Wohltuend, wenn Reitmeier die explizite Nacktheit der Königin verhüllt und genau damit die Allumfassendheit des idealistischen Sinnlichkeitsbegriffs einmal mehr zur Anschauung bringt. Der Liebesbegriff angelehnt an Feuerbach und David Friedrich Strauß, als zu rettender und ins Humane überzuführender Kern jeder Religion. Kein Klassendenken, weder bei Korngold und den anderen Expressionisten, noch bei Reitmeier oder Dvorák, schon gar kein Vertrauen in eine Partei, darum der damaligen Sowjetideologie ebenso suspekt wie den braunen Zwerkobstzüchtern (Lichtenberg).

Die Reitmeierschen Bilder stürmen ins Unbewusste, kongenial umgesetzt von Bühnenausstatter Daniel Dvorák und Kostümerschaffer Thomas Dörfler. Der einzig legitime Bildersturm, wenn Bilder zum Subjekt des Handelns werden. Unterstützt von subtilen Lichteffekten, Herr der Strahlen Manfred Wilking. Eine Fabrik, in der noch die verlegten Stromkabel Muster bildend von einer humanisierten Arbeitswelt träumen lassen, stille Hommage an Lang, Sezession, wohin das Auge schaut, dann wieder moderne Verwaltungszentren als unser heutiger Hintergrund, die das Augenmerk auf die Schöne Neue Arbeitswelt lenke. Mondäne Chippendalesitzgruppe, Schreibtische, die zu Opferaltären werden für das menschliche Wesen. Der elektrische Stuhl, schon sitzen Sacco und Vanzetti mitten unter uns. Ein Sarg, der aus dem Invalidendom übergeführt sein könnte. Kubus für tote Lenins. Kein Ort, der das Lebendige halten und binden könnte. Meeresfluten als Videoeinspielung und Uffizienstar Botticelli hätte Beifall geklatscht. Seelenbotschaften, die nichts von ihrem Sog verloren haben. Die Kostüme von Thomas Dörfler nehmen die Lust am Chiffrieren auf. Beiruts junge Frauen, die Schrecken des Krieges als dem Unangelegentlichen ins Gesicht geschrieben, stehen Pate für die Äußerlichkeit der Trauer. Königinnenkostüme, die bei Gustav Klimt Anschauungsunterricht genommen haben. Ein König, der vom kleinkarierten Sinclairschen Business man zum Broker mutiert. Verdinglichte Sexualität, ihre Dienerinnen mit sichtbaren Schäden nicht nur in den Nylonstrümpfen. Verschwenderischer Umgang mit intensiven und außergewöhnlichen Farben, deren Pracht das utopische Substrat hervorhebt, Schnitte, die sich jeder Durchschnittlichkeit widersetzen. Jugendstil, der nie alt wird. Unerschöpfliche Kreativität, das Markenzeichner eines Thomas Dörfler.

Jeder Ton dieser extrem anspruchsvollen Komposition erzählt seine Geschichte, jedes Instrument transportiert Gefühle, die Uwe Sandner hervorhebt, um dabei immer das Orchesterensemble im Blick zu behalten. Ein überwältigendes Gesamtkunstwerk, wenn im Vorspiel zum dritten Akt die Himmelssphären vorweg gezeichnet werden, Erlösung und Leichtigkeit zusammen geführt, wenn Aufruhr und Triumph, wenn Widersetzlichkeit und Zweifel beim Hörer körperlich spürbar werden. Ein großartiges Hörerlebnis, ein äußerst gefordertes und sich bewährendes Orchester, ein tief beeindruckendes, in der Seele nachhallendes Dirigat.

Selten sah man das Ensemble eines glänzend aufgelegten Pfalztheaterchors so engagiert und spielfreudig zu Werke gehen. Auch in der Choreographie professionell, der Gesang äußerst ansprechend, das ganze gecoacht von Ulrich Nolte. Eingeschlossen der Extrachor und eine gut disponierte Statisterie.

Sally du Randt erlebt in der Rolle der Königin einen triumphalen Abend. Zu Recht gefeiert, eine Stimme, die die an die Grenze führende Partitur scheinbar mühelos meistert, voller Expressivität, dazu ein Spiel, das so dicht an der Rolle bleibt, dass der Abstand zum Publikum nahezu aufgehoben wird. Derrick Lawrence, mächtig (ohnmächtiger) König, der die letzte Unbeholfenheit, die ihm eingeborene Sehnsucht nach erfülltem Leben glaubwürdig verkörpert, der Versuchung widerstehend, seine einfühlsame, gepflegte Stimme zum Organ der Mächtigkeit aufzudonnern und damit ihre differenzierte Ausdruckskraft zu glätten. Am Fremden sind schon zeitgenössische Weltstars in den Spätzwanzigern gescheitert. Norbert Schmittberg ist der Titanenrolle nicht nur gewachsen, seine Virtuosität kann auf eine exzellente Technik bauen, der eine beglückend schöne Stimme beigegeben ist. Obwohl stimmlich angeschlagen, rettet er den Abend, besteht auf dem Verzicht auf eine Ansage. Was erwartet den Hörer erst bei einem genesenen Fremden! Alexis Wagner als Pförtner mal subaltern, mal über den Massen stehen, variiert seine weitgreifende Stimme gekonnt, mal erfrischend unaufgeregt, dann wieder manifestorisch. Hans-Jörg Bock (Scharfrichter), von Dörfler köstlich gezeichnet, ganz in Rot und mit Sichtschutz, auf dem Rollstuhl, brilliert einmal mehr mit unglaublicher Textverständlichkeit und seiner alle Raffinessen der Sangeskunst beherrschenden Stimme. Zu Recht gefeiert auch Silvia Hablowetz als Botin - und darum lässt sie Reitmeier als Vorbotin immer schon dabei sein. Bewusst laut, ohne sich deshalb je im Ton zu vergreifen, halb Kassandra, halb ressentimentgeladene Erynie. Stimmlich absolut ansprechend.

Das Publikum elegant wie selten, sogar Damen im Jugendstil. Viele weit her gereist, mit Korngoldkompetenz, erwartungsfroh. Begeistert von der Musik, die wenigen, denen der Zugang völlig verschlossen blieb, verlassen konsequenter Weise das Haus zur Pause. Aus der Tagespresse angelesene und bemühte Schlagworte wie Metropolis auf die Frage nach dem Eindruck zeigen, wie fremd der Expressionismus auch vielen Gebildeten unter den Verächtern des kulturellen Zwangsbruches ist. Helianes Wunder heute? Was Reitmeier, Dvorák und Dörfler geschafft haben: Die Wiederanknüpfung an Fragen, deren Qualität schon die heutigen Antworten auf Unwesentlichkeiten, auf Symptome statt Gründe eingehend übersteigt.

Frank Herkommer

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