Kritik "Heliane" FAZ PDF Drucken E-Mail
Kritik Bühne
 

Unmögliches gelingt nur in der Kunst

Wenn Wunderkinder in die Jahre kommen, beginnen die Probleme. Nach dem Welterfolg, den der gerade 23 Jahre alte Erich Wolfgang Korngold 1920 mit seinem Opernkrimi „Die tote Stadt“ verbuchen konnte, wollte sich im Leben des Höchstbegabten kaum noch etwas richtig fügen. Lange vor seinem erzwungenen Exil und der mehr nolens volens verfolgten Karriere als Filmkomponist in Hollywood schien das Publikum der schwelgerischen Spätestromantik Korngolds überdrüssig geworden – waren doch am Musikhimmel neue Sterne wie Schönberg, Křenek und Hindemith aufgezogen.


Davon überschattet wurde auch die Rezeptionsgeschichte von Korngolds erklärtem Hauptwerk, der 1927 in Hamburg uraufgeführten Oper „Das Wunder der Heliane“. Anders als „Die tote Stadt“, die sich inzwischen einen Platz im erweiterten Repertoire zurückerobert hat, verschwand die „Heliane“ bald nach der Premiere endgültig von den Spielplänen. Zweiundzwanzig Jahre nach der bislang letzten szenischen Aufführung – 1988 unter John Dew in Bielefeld – hat sich nun das Pfalztheater Kaiserslautern an eine Wiederbelebung gewagt: ein gewaltiger Kraftakt für dieses mittlere Haus, der wieder einmal unterstreicht, welche Bedeutung gerade die vielerorts bedrohten Stadttheater für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes haben. Aber auch unabhängig davon verdient die Produktion hohes Lob.


Der regieführende Intendant Johannes Reitmeier verlegt die symbolbefrachtete Handlung dieses „Mysteriums für Musik“ in die Maschinenwelt von Fritz Langs Film „Metropolis“, der ebenfalls 1927 Premiere hatte. In diesen totalitären Staat, dem jede emotionale Regung verdächtig ist, bricht ein messianischer Fremder ein und betört die Herzen der Menschen – auch das der mariengleichen Königin Heliane. Vom Herrscher beim vermeintlichen Ehebruch ertappt, bleibt Heliane nur eine Chance, ihr Leben zu retten: Sie muss den Fremden, der sich selbst geopfert hat, vom Tod auferwecken. Reitmeier setzt hinter das kunstreligiöse Weltanschauungspathos der expressionistischen Vorlage von Hans Kaltneker geschickt einige Fragezeichen, indem er die Auferweckung als Glaubensvision zeigt, die in der Realität misslingt. Korngolds ebenso spektakuläre wie brillant orchestrierte Musik, von Uwe Sandner geradezu rauschhaft dicht dirigiert, lässt jedoch keine Zweifel daran, dass das scheinbar Unmögliche dafür in der Kunst umso überwältigender gelingen kann.       CHRISTIAN WILDHAGEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.04.2010 Seite 30

 

In Arbeit

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