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Pressespiegel DIE OPERNWELT vom März 2009
KAISERSLAUTERN Zemlinsky: König Kandaules
Zeichenhafte Klarheit
Seit ihrer EntdecKung vor gut einem Jahrzehnt hat Zemlinskys Oper <Der König Kandaules> in der Re- konstruktion von Anthony Beaumont eine bemer- kenswerte Karriere an übenrrriegend gro8en Häusern gemacht. Das experimentierfreudige Pfalztheater in Kaiserslautern demonstriert nun, dass auch ein klei- nes Haus sein Repertoire mit dem späten Meisterwerk des Wiener Komponisten erfolgreich erweitern kann. Die lnszenierung von Henry Arnold betont das Zei- chenhafte in der Geschichte vom König, der die un- sagbare Schönheit seiner Frau nur genieBen kann, wenn auch andere daran teilhaben. Thomas Dörflers Bühne mit ihrer ovalen Öffnung und dem an eine Fel- sengrotte erinnernden Hintergrund schafft einen mys- tischen Raum, in dem eine skurril-kafkaeske Hofge- sellschaft und der Morbidezza ausstrahlende König aufeinander treffen.
Verhandelt wird die Frage, ob Glück voraussetzt,
dass man es am Urteil anderer messen kann. Kan- daules geht dabei so weit, seine geliebte Nyssia unter Nutzung eines unsichtbar machenden Rings dem Fischer Gyges zuzuführen, nachdem er sie bereits vor seinen Höflingen gegen ihren Willen entschleiert hat. Das Experiment endet tödlich: Die getäuschte Nys- sia schwärmt ihrem Gemahl von der vermeintlich mit ihm verbrachten Liebesnacht vor, in dessen Gemüt schleicht sich die Eifersucht - wobei dre Frage offen bleibt, ob der Adressat eher die Ehefrau oder nicht doch der Fischer ist. Der Schwindel fliegt auf, die zu- tiefst verletzte Nyssia bewegt Gyges, den König zu er- morden und sich an seine Stelle zu setzen. Henry Arnold, als Hauptdarsteller in Edgar Reitz' Heimat-Trilogie bekannt geworden, erzählt die Ge- schichte stringent, plausibel, klar, handwerklich sau- ber, sorgfältig in der Personenführung. Von der Bri- sanz, vom Wagnis, das vor siebzig Jahren dazu führ- te, dass Zemlinsky jede Hoffnung aufgab, die Oper je aufführen zu können, ist szenisch freilich zu wenig zu spüren. Mit der finalen Mordszene lässt Arnold seine lnszenierung beginnen, holt sie später immer wieder als Video-lnsert in die Handlung zurück. Es wird viel mit - im doppelten Sinne - Projektion gearbeitet in Kaiserslautern, in einer eigenwilligen, bisweilen an frühe Bunuel-Filme erinnernden Asthetik. GMD Uwe Sandner stattet die Musik mit lautma- lerischer Finesse und rauer Schönheit aus, Franz Wer- fels Postulat vom <Urmelodiker Zemlinsky> folgend, <dem im Ehrgeiz-Wettrennen die Zunge nicht atonal zum Hals raushängt>. Da hat sich das Orchester des ffalztheaters im Umgang mit Klassikern der Moderne inzwischen ein erstaunliches Profil erarbeitet. Gele- gentlich wird die Wucht überbetont, was den 5än- gern die ohnehin harte Arbeit nicht erleichtert- Das macht es vor allem Douglas Nasrawi in der Titelpartie schwer, der mächtig forcieren muss und trotzdem oft hinter dem Orchester verschwindet. Dar- stellerisch ist sein zwischen Gutmensch und Fanatiker angelegter; mit einem Schuss Puntila ausgestatteter König ein überzeugender überzeugungstäter. Valdrie Suty singt souverän mit einem klangschö- nen, gut geführten Sopran, bleibt aber gänzlich die tödliche Faszination schuldig, die von der Königin Nys- sia ausgeht und letztlich das ganze Geschehen aus- löst. Das ist schlicht zu harmlos, nicht nur szenisch. Die Entdeckung des Abends: der kraftvolle, kulti- vierte, mit präziser musikalischer Ausdrucksstärke und sprachlicher Wortverständlichkeit agierende Bariton Thomas de Vries als Gyges. Ein Außenseiter von An- fang an, handelnd nur, wo er vernichtet, im Grunde trotzdem ohne Schuld.
Zemlinsky: Der König Kandaules
Premiere am 24., besuchte Vorstellung am 28. Januar 2009. Musikalische Leitung: Uwe Sandner, Inszenierung: Henry Arnold, Bühne: Thomas Dörfler, Kostüme: Kathrin Hauer. Solisten: Douglas Nasrawi (Kandaules), Thomas de Vries (Gyges), Valerie Suty (Nyssia), Bernd Valentin (Phedros), HansJörg Bock (Syphax), Hubertus Bohrer (Pharnaces), Alexis Wagner (Philebos), Bernhard Scheurs (Sebas), Steffen Schanz (Sinias), Daniel Böhm (Nicomedes) u. a.
Dieter Lintz
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